Die letzten zehn Tage – ein Bericht aus der Abteilung „Es passiert nix, und das ist fantastisch“
Die letzten zehn Tage… waren wie die davor. Und die davor. Und, wenn ich ehrlich bin, auch wie die davor. Ein Muster, so verlässlich wie der Sonnenaufgang, nur weniger spektakulär und mit mehr Schwimmbrille.
Der Tagesablauf ist inzwischen ein Uhrwerk: essen, kacken, schwimmen, streamen, schlafen.
In dieser Reihenfolge.
Manchmal auch in anderer.
Aber niemals parallel, das wäre logistischer Wahnsinn.
Und bevor jemand fragt: Ja, wir haben fast keinen Kontakt zur Außenwelt. Nicht aus Einsiedlerromantik, sondern weil es da draußen schlicht nichts gibt, was uns aktuell fehlt. Die einzigen Menschen, die wir sehen, sind die Kassiererinnen im Supermarkt – und die kennen uns inzwischen so gut, dass sie nicht mal mehr irritiert gucken, wenn wir ausschließlich Chicken Breast, Kaffee und kiloweise Reis kaufen.
Und dann heute.
Heute war… anders.
Auf dem Hinweg zum Supermarkt werde ich plötzlich gegrüßt wie ein Lokalpolitiker kurz vor der Wahl.
„Good morning, Sir!“
„Have a nice day, Sir!“
„Hello Sir, looking good Sir!“
Ich dachte erst, ich hätte versehentlich irgendwas am Gesicht – eine Tapete, ein Preisetikett, einen Vogel.
Oder ich wäre rückwirkend zum Sir geschlagen worden, ganz inoffiziell, vielleicht vom Barangay-Captain.
Aber nein.
Die Menschen waren einfach freundlich.
Unverschämt freundlich.
Auf dem Rückweg ging es weiter: „Hi Sir! Enjoy your afternoon Sir!“
In diesem Tempo hätte ich erwartet, dass mir jemand meinen eigenen roten Teppich ausrollt.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum das plötzlich so ist.
Vielleicht hab ich heute diesen bestimmten Gesichtsausdruck, bei dem selbst Fremde denken: „Den da, den grüß ich jetzt mal. Der braucht das.“
Oder es ist einfach Manila. Freundlichkeit ist hier ja kein soziales Ereignis, sondern eine Art atemberaubender Volkssport.
Schwimmen ist mein Hauptsport. Ich weiß nicht, wer das Gerücht verbreitet hat, Schwimmen sei entspannend. Ich habe selten so viel Wasser in der Nase gehabt wie in den letzten Monaten. Aber es ist gesund, es ist meditativ, und es gibt einem das Gefühl, man hätte etwas geschafft – selbst wenn man den Rest des Tages wie ein Koala auf der Couch hängt und Dinge streamt, von denen man drei Tage später nicht mal mehr weiß, wie sie hießen.
Die Laune? Hervorragend.
Die Sonne? Kurz vorm Durchbrennen.
Wir? Tiefenentspannt.
Und während wir hier in Manila brutzeln wie Pommes unter Wärmelampen, schauen wir aus sicherer Entfernung nach Deutschland. Nicht, weil wir Heimweh hätten – eher so, wie man im Fernsehen eine Dokumentation über einen markerschütternd missratenen Versuch anschaut, selbst Weißbrot zu backen. Man fragt sich: Warum passiert das? Wer hat das entschieden? Und: warum gucke ich das immer noch?
Jedenfalls: Von den neuen Nazis da drüben sind wir angenehm weit weg. Sehr weit. Man könnte sagen: geografisch eine Ozeanlänge, emotional ein ganzes Sonnensystem. Und das ist gut so. Die deutsche Innenpolitik fühlt sich aus Manila ungefähr so relevant an wie die Paarungsgewohnheiten von Tiefseequallen. Interessant, aber völlig ohne Einfluss auf unseren Tagesablauf.
Und unser Tagesablauf… ja, der ist herrlich langweilig.
Manchmal liege ich in der Sonne und denke: Das darf doch nicht alles sein.
Und dann denke ich: Doch.
Und es ist großartig.
Es gibt keine Deadlines. Keine nervigen Behörden. Keine grotesk überfüllten Busse voller Menschen, die morgens schon schlechte Laune haben, bevor sie überhaupt etwas gegessen haben. Stattdessen: tropisches Licht, ein Kühlschrank voller Essen und die beruhigende Erkenntnis, dass wir hier einfach unser Ding machen können, ohne dass uns jemand reinlabert.
Was könnte besser sein?
Ganz ehrlich: nichts.
Wir haben das tägliche „Nichts passiert“-Level erreicht, von dem die Leute vermutlich sagen würden: „Das ist wie Urlaub. Nur ohne die Rückreise.“
In diesem Sinne: Grüße aus der Sonne,
dem Whirlpool der Entschleunigung,
dem Ort, an dem die größte Herausforderung des Tages lautet: „Gehe ich jetzt schwimmen… oder erst in zehn Minuten?“
Für heute nun: Bis bald.
Vielleicht.
Wenn wir nicht gerade schlafen.
Oder essen.
Oder… na ja, Sie wissen schon.
Kikeriki !
Grüße aus Manila,
dem Ort, an dem das größte Mysterium des Tages lautet:
Warum sagen heute plötzlich alle ‚Sir‘ zu mir?
Vielleicht sieht man es mir einfach an:
Ich bin im inneren Modus „Ulf´sche Erleuchtung“.
Oder ich hab Zahnpasta im Gesicht.
Beides ist möglich. Bis bald !
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